Category Archive: .Albert, Hans

If you are serious about truth…

Wer wirklich an der Wahrheit Interesse hat, wird so verfahren, daß er gerade Auffassungen, die er für besonders wichtig hält, am schärfsten der kritischen Prüfung aussetzt, nicht nur diejenigen, die er ohnehin einigermaßen leichten Herzens zu opfern bereit ist. [135]

The Munchhausen trilemma of justificationism

Nun entsteht aber, wenn unser Prinzip ernst genommen wird, sogleich folgendes Problem: Wenn man für alles eine Begründung verlangt, muß man auch für die Erkenntnisse, auf die man jeweils die zu begründende Auffassung – bzw. die betreffende Aussagen-Menge – zurückgeführt hat, wieder eine Begründung verlangen. Das führt zu einer Situation mit drei Alternativen, die alle drei unakzeptabel erscheinen, also: zu einem Trilemma, das ich angesichts der Analogie, die zwischen unserer Problematik und dem Problem besteht, das der bekannte Lügenbaron einmal zu lösen hatte, das Münchhausen-Trilemma nennen möchte. Man hat hier offenbar nämlich nur die Wahl zwischen:

1. einem infiniten Regreß, der durch die Notwendigkeit gegeben erscheint, in der Suche nach Gründen immer weiter zurückzugehen, der aber praktisch nicht durchzuführen ist und daher keine sichere Grundlage liefert;
2. einem logischen Zirkel in der Deduktion, der dadurch entsteht, daß man im Begründungsverfahren auf Aussagen zu­rückgreift, die vorher schon als begründungsbedürftig aufgetreten waren, und der ebenfalls zu keiner sicheren Grund­lage führt; und schließlich:
3. einem Abbruch des Verfahrens an einem bestimmten Punkt, der zwar prinzipiell durchführbar erscheint, aber eine willkürliche Suspendierung des Prinzips der zureichenden Begründung involvieren würde.

Da sowohl ein infiniter Regreß als auch ein logischer Zirkel offensichtlich unakzeptabel zu sein scheint, besteht die Neigung, die dritte Möglichkeit, den Abbruch des Verfahrens, schon deshalb zu akzeptieren, weil ein anderer Ausweg aus dieser Situation für unmöglich gehalten wird. Man pflegt in bezug auf Aussagen, bei denen man bereit ist, das Begründungsverfahren abzubrechen, von Selbstevidenz, Selbstbegründung, Fundierung in unmittelbarer Erkenntnis – in Intuition, Erlebnis oder Erfahrung – zu sprechen oder in anderer Weise zu umschreiben, daß man bereit ist, den Begründungsregreß an einem bestimmten Punkt abzubrechen und das Begründungspostulat für diesen Punkt zu suspendieren, indem man ihn als archimedischen Punkt der Erkenntnis deklariert. Das Verfahren ist ganz analog zur Suspendierung des Kausalprinzips durch Einführung einer causa sui. Nennt man aber eine Überzeugung oder Aussage, die selbst nicht zu begründen ist, aber dabei mitwirken soll, alles andere zu begründen, und die als sicher hingestellt wird, obwohl man eigentlich alles – und also auch sie – grundsätzlich bezweifeln kann, eine Behauptung, deren Wahrheit gewiß und die daher nicht der Begründung bedürftig ist: ein Dogma, dann zeigt sich unsere dritte Möglichkeit als das, was man bei einer Lösung des Begründungsproblems am wenigsten erwarten sollte: als Begrün­dung durch Rekurs auf ein Dogma. Die Suche nach dem archimedischen Punkt der Erkenntnis scheint im Dogma­tismus enden zu müssen. An irgendeiner Stelle nämlich muß das Begründungspostulat der klassischen Methodologie auf jeden Fall suspendiert werden. [15-6]

No justification, ever

Unsere Kritik an der klassischen Methodologie der zureichenden Begründung läßt sich nun prinzipiell auch auf das ethische Grundlagenproblem anwenden, dann sie zielt ja auf die allgemeine Struktur des Begründungsdenkens ohne Rücksicht darauf, welche Art von Überzeugungen zur Diskussion steht. [86]

No Archimedean point in ethics either

Wir hatten gesehen, daß das Begründungspostulat für den Bereich der Moralphilosophie zu ebendenselben Schwie­rigkeiten führt wie für den der Erkenntnisthorie und der Wissenschaftslehre. Die Suche nach dem archimedischen Punkt ist in der Ethik ebenso nutzlos und daher fehlgeleitet wie in anderen Disziplinen. [81]

Valid deductive reasoning

Ein gültiges deduktives Argument garantiert nur:

a) den Transfer des positiven Wahrheitswertes – der Wahrheit – von der Prämissen-Menge auf die Konklusion; und damit auch:
b) den Rücktransfer des negativen Wahrheitswertes – der Falschheit – von der Konklusion auf die Prämissen-Menge. [14]

Dogmatic knowledge

Ohne einen „archimedischen Punkt“, so meint [Husserl], müsse man „alle Vernunft und Erkenntnis preisgeben“. Offen­bar konnte er sich keine Alternative zur klassischen Idee des Wissens und zum klassischen Erkenntnisideal vorstellen und glaubte daher, um jeden Preis an seiner Evidenzthese festhalten zu müssen. Wer so denkt, ist aber auf dem besten Wege, dieses Erkenntnisideal zu dogmatisieren. Wer ohne sicheres Fundament der Erkenntnis nicht auskom­men zu können meint, der wird sich darum bemühen, ein solches Fundament – und sei es auf noch so künstliche und willkürliche Weise – zu installieren. [12]

The ideal of truth

Die Suche nach einem solchen Kriterium, einem sicheren Anzeichen der Wahrheit, war bisher erfolglos. Deshalb muß man aber keineswegs die Wahrheitsidee, den Begriff und das Ideal der Wahrheit opfern. Alfred Tarski hat mit Recht festgestellt, daß sich der Wahrheitsbegriff in dieser Hinsicht nicht von manchen anderen Begriffen – zum Beispiel von Begriffen des mathematischen und des physikalischen Denkens – unterscheidet. [11]

The continuum of philosophy and science

Wo aber heute noch Erkenntnistheorie im alten Sinne auftaucht – zum Beispiel in analytischer Maskerade –, da sucht sie sich oft scharf von den Realwissenschaften abzugrenzen, und zwar mit dem Hinweis, daß sie im Gegensatz zu die­sen Sinn- und Geltungsprobleme behandle, während diese es nur mit Tatsachenproblemen zu tun hätten. Im Grunde genommen hat sich hier die auf Hume und Kant zurückgehende scharfe Scheidung von quaestio juris und quaestio facti, deren Berechtigung ich hier keineswegs bestreiten will, in eine Bereichsabgrenzung zwischen reiner Philosophie und Realwissenschaft umgesetzt, die die Möglichkeit einer sauberen Arbeitsteilung suggeriert, aber es mitunter schwer macht, wichtige Zusammenhänge zu erkennen. [8]

… don’t do as I do

[M]an tut gut daran, das Urteil über die Bedeutung eines Denkers nicht davon abhängig zu machen, inwieweit er in der Lage war, sein Temperament zu zügeln und den von ihm vertretenen Idealen gerecht zu werden. [194]

The limits of critical rationalism

In Wirklichkeit ist die Methode der kritischen Prüfung an keinen intellektuellen oder sozialen Bereich ge­bunden. Es gibt keine sinnvolle Einschränkung ihrer Anwendung im Interesse der Erkenntnis, nur eine solche im Interesse der Auf­rechterhaltung bestimmter Bestände, bestimmter geistiger und sozialer Gegebenheiten, die man dem historischen Wandel gerne entziehen möchte. Auch die Beschränkung der kritischen Vernunft auf die Wissenschaften, die Technik und die Wirtschaft ist nicht besonders sinnvoll. Es gibt keine a priori feststehende saubere Trennung der Bereiche, keine Abschottung und Isolierung von Beständen, die sich auf jeden Fall durch­halten ließe. Auch innerhalb der Wissenschaften haben sich derartige Grenzziehungen nie bewährt. Und wer die Wertfreiheit der Wissenschaft etwa so deuten wollte, daß sich der Bereich des Moralischen, der Werte und der Normen grundsätzlich kritisch-rationaler Analyse entziehe, der hätte aus der Fragwürdigkeit normativer Wissen­schaften dogmatischen Charakters eine falsche Konsequenz gezogen. Als Instrument der positiven Begründung, der dogmatischen Rechtfertigung, mag die Logik in diesem Bereiche ebensowenig brauchbar sein wie in dem der Wissenschaft. Als Instrument kritischer Analyse und Prüfung, als Organon der Kritik, läßt sie sich nirgends ausschalten.

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