Category Archive: .Albert, Hans

The merely rational

Es ist sehr interessant, daß die geschichtliche Periode, in der bei uns die Tradition des kritischen Denkens zum ersten Male einen entscheidenden Durchbruch erzielte, nämlich die Aufklärung, im deutschen Sprachbereich nur selten eine positive Würdigung erfährt. Man versieht sie gerne mit schmückenden Beiworten pejorativen Charakters wie „flach“, „unhistorisch“, „trocken“, bescheinigt ihr eine Überschätzung des bloß Vernünftigen und dokumentiert die eigene Über­legenheit damit, daß man bereit ist, dunklen, unklaren, widerspruchsvollen und vieldeutigen Ergebnissen geistiger An­strengungen wegen ihrer angeblichen Tiefe den Vorzug vor den Resultaten klaren, nüchternen und kritischen Denkens zu geben.

The problem of unintended consequences

Eine praktisch verwertbare sozialtechnologische Analyse muß die Beschaffenheit der Ausgangssituation für politisches Handeln, zum Beispiel für die ins Auge gefaßte Gesetzgebung berücksichtigen. Und sie muß dabei auch der Tatsache Rechnung tragen, daß eine solche Gesetzgebung nur bestimmte – meist sehr eng umschriebene – Bestandteile der in­stitutionellen Konstellation in einer Weise ändern kann, die voraussehbare Auswirkungen in der erwünschten Richtung hat. [27]

Politics as a social-technological problem

An die Stelle einer Begründung oder Rechtfertigung im klassischen Sinne tritt hier die komparative Analyse alternativer Vorschläge für die Lösung der betreffenden Probleme auf der Grundlage regulativer Ideen, das heißt: bestimmter Wert­gesichtspunkte, die der Entscheidung – das heißt: der Selektion der im Sinne dieser Ideen besten Lösung – zugrunde­gelegt werden können. Das ordnungspolitische Problem – die Frage nach der Beschaffenheit einer adäquaten Sozial­ordnung – läßt sich unter diesen Voraussetzungen in ein sozialtechnologisches Problem verwandeln, wobei die betref­fen­den Wertgesichtspunkte für diese Formulierung hpothethisch vorausgesetzt werden, wie das ja auch bei der Ana­lyse der Erkenntnispraxis geschehen kann. Es läßt sich nämlich formulieren als Frage anch der Möglichkeit einer sozi­alen Ordnung, die bestimmten Anforderungen genügt, wobei dieser Anforderungen in den Kriterien (Leistungsmerk­malen) zum Ausdruck kommen, an denen sich die vergleichende Untersuchung orientiert. Da es bei solchen Verglei­chen nicht um logische, sondern um reale Möglichkeitne geht, müssen die in Betracht kommenden Gesetzmäßigkeiten berücksichtigt werden. Und da es im konkreten Fall um die jeweils historischen Möglichkeiten geht, das heißt um die Realisierbarkeit in einem bestimmten Raum-Zeit-Gebiet, müssen die in diesem Gebiet vorliegenden tatsächlichen Be­dingungen in die Analyse einbezogen werden.

Es ist selbstverständlich, daß auch die Anforderungen, die an eine adäquate Sozialordnung zu stellen sind, und die ihnen zugrundeliegenden Wertgesichtspunkte keineswegs der Diskussion zu entziehen sind. [24-5]

Germany’s lack of liberalism

Charakteristisch für die deutsche Szene ist die Tatsache, daß ein breiter philosophischer Hintergrund für liberales Denken zu fehlen scheint oder daß jedenfalls Ideen dieser Art hierzulande kaum auf eine erhebliche Breiten- und Tiefenwirkung rechnen können. Die deutsche Ideologie bewegt sich zwischen Konservativismus und Revolution, zwischen unkritischer Hinnahme von Gegebenheiten und totaler Kritik am Gegebenen.

If you are serious about truth…

Wer wirklich an der Wahrheit Interesse hat, wird so verfahren, daß er gerade Auffassungen, die er für besonders wichtig hält, am schärfsten der kritischen Prüfung aussetzt, nicht nur diejenigen, die er ohnehin einigermaßen leichten Herzens zu opfern bereit ist. [135]

The Munchhausen trilemma of justificationism

Nun entsteht aber, wenn unser Prinzip ernst genommen wird, sogleich folgendes Problem: Wenn man für alles eine Begründung verlangt, muß man auch für die Erkenntnisse, auf die man jeweils die zu begründende Auffassung – bzw. die betreffende Aussagen-Menge – zurückgeführt hat, wieder eine Begründung verlangen. Das führt zu einer Situation mit drei Alternativen, die alle drei unakzeptabel erscheinen, also: zu einem Trilemma, das ich angesichts der Analogie, die zwischen unserer Problematik und dem Problem besteht, das der bekannte Lügenbaron einmal zu lösen hatte, das Münchhausen-Trilemma nennen möchte. Man hat hier offenbar nämlich nur die Wahl zwischen:

1. einem infiniten Regreß, der durch die Notwendigkeit gegeben erscheint, in der Suche nach Gründen immer weiter zurückzugehen, der aber praktisch nicht durchzuführen ist und daher keine sichere Grundlage liefert;
2. einem logischen Zirkel in der Deduktion, der dadurch entsteht, daß man im Begründungsverfahren auf Aussagen zu­rückgreift, die vorher schon als begründungsbedürftig aufgetreten waren, und der ebenfalls zu keiner sicheren Grund­lage führt; und schließlich:
3. einem Abbruch des Verfahrens an einem bestimmten Punkt, der zwar prinzipiell durchführbar erscheint, aber eine willkürliche Suspendierung des Prinzips der zureichenden Begründung involvieren würde.

Da sowohl ein infiniter Regreß als auch ein logischer Zirkel offensichtlich unakzeptabel zu sein scheint, besteht die Neigung, die dritte Möglichkeit, den Abbruch des Verfahrens, schon deshalb zu akzeptieren, weil ein anderer Ausweg aus dieser Situation für unmöglich gehalten wird. Man pflegt in bezug auf Aussagen, bei denen man bereit ist, das Begründungsverfahren abzubrechen, von Selbstevidenz, Selbstbegründung, Fundierung in unmittelbarer Erkenntnis – in Intuition, Erlebnis oder Erfahrung – zu sprechen oder in anderer Weise zu umschreiben, daß man bereit ist, den Begründungsregreß an einem bestimmten Punkt abzubrechen und das Begründungspostulat für diesen Punkt zu suspendieren, indem man ihn als archimedischen Punkt der Erkenntnis deklariert. Das Verfahren ist ganz analog zur Suspendierung des Kausalprinzips durch Einführung einer causa sui. Nennt man aber eine Überzeugung oder Aussage, die selbst nicht zu begründen ist, aber dabei mitwirken soll, alles andere zu begründen, und die als sicher hingestellt wird, obwohl man eigentlich alles – und also auch sie – grundsätzlich bezweifeln kann, eine Behauptung, deren Wahrheit gewiß und die daher nicht der Begründung bedürftig ist: ein Dogma, dann zeigt sich unsere dritte Möglichkeit als das, was man bei einer Lösung des Begründungsproblems am wenigsten erwarten sollte: als Begrün­dung durch Rekurs auf ein Dogma. Die Suche nach dem archimedischen Punkt der Erkenntnis scheint im Dogma­tismus enden zu müssen. An irgendeiner Stelle nämlich muß das Begründungspostulat der klassischen Methodologie auf jeden Fall suspendiert werden. [15-6]

No justification, ever

Unsere Kritik an der klassischen Methodologie der zureichenden Begründung läßt sich nun prinzipiell auch auf das ethische Grundlagenproblem anwenden, dann sie zielt ja auf die allgemeine Struktur des Begründungsdenkens ohne Rücksicht darauf, welche Art von Überzeugungen zur Diskussion steht. [86]

No Archimedean point in ethics either

Wir hatten gesehen, daß das Begründungspostulat für den Bereich der Moralphilosophie zu ebendenselben Schwie­rigkeiten führt wie für den der Erkenntnisthorie und der Wissenschaftslehre. Die Suche nach dem archimedischen Punkt ist in der Ethik ebenso nutzlos und daher fehlgeleitet wie in anderen Disziplinen. [81]

Valid deductive reasoning

Ein gültiges deduktives Argument garantiert nur:

a) den Transfer des positiven Wahrheitswertes – der Wahrheit – von der Prämissen-Menge auf die Konklusion; und damit auch:
b) den Rücktransfer des negativen Wahrheitswertes – der Falschheit – von der Konklusion auf die Prämissen-Menge. [14]

Dogmatic knowledge

Ohne einen „archimedischen Punkt“, so meint [Husserl], müsse man „alle Vernunft und Erkenntnis preisgeben“. Offen­bar konnte er sich keine Alternative zur klassischen Idee des Wissens und zum klassischen Erkenntnisideal vorstellen und glaubte daher, um jeden Preis an seiner Evidenzthese festhalten zu müssen. Wer so denkt, ist aber auf dem besten Wege, dieses Erkenntnisideal zu dogmatisieren. Wer ohne sicheres Fundament der Erkenntnis nicht auskom­men zu können meint, der wird sich darum bemühen, ein solches Fundament – und sei es auf noch so künstliche und willkürliche Weise – zu installieren. [12]

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