Die offene Gesellschaft

[Veröffentlich in „Neues Deutschland”, 23. Juni 2012 · (PDF)]

Wann immer wir lesen, dass in diesem oder jenem Land Frauen nicht Auto fahren, Mädchen nicht zur Schule gehen, Schwule nicht offen leben oder Menschen ihr Land gar nicht verlassen dürfen, sind wir ein bisschen beruhigt, dass wir in einer offenen Gesellschaft leben. Wenn Josef Ratzinger in Kuba eine offene Gesellschaft fordert, dann meint er damit sowohl, dass nicht alle Kubaner Zugang zu den Institutionen der Gesellschaft haben, als auch, dass das Land sich anderen Menschen und deren Ideen öffnen sollte.

Der Konsens scheint also zu sein, dass sich hinter dem Begriff „offene Gesellschaft“ nicht viel mehr ver­birgt als Vielfalt und Freiheit von Unterdrückung und Diskriminierung. Was hier „offen“ ist, ist sozusagen der Zugang zur Gesellschaft, der uns nicht verstellt sein soll – wo einem andernorts erst das richtige Geschlecht, die richtige Gesinnung oder die richtige Schicht, in die man hineingeboren wurde, die entsprechende Ein­trittskarte gibt. Und ja: In aller Regel reden wir über andere Länder, denen wir ein Defizit an offener Gesell­schaft attestieren. Wir sind bereits eine.

Ein erster Zweifel, der einem kommen könnte, betrifft ganz einfach den Inhalt des Begriffs „offene Gesell­schaft“, wie er landläufig benutzt wird: Meinen wir nicht eigentlich nichts anderes als „égalité“ – rechtliche und politische Gleichheit – und die Freizügigkeit, die jeden nach seiner Façon glücklich werden lässt? Nun ist ein Begriff nicht gleich deshalb zu verdammen, weil er strenggenommen nicht gebraucht wird. Mit der „offenen Gesellschaft“ liegt der Fall allerdings interessanter. Zum ersten Mal ernsthaft mit Bedeutung gefüllt wurde er vor etwa 70 Jahren im Buch des Philosophen Karl Popper „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“. Und die oberflächliche Bedeutung, die der Begriff in wohlfeilen Politiker-Reden oder als Medien-Platitüde annimmt, ist der Popperschen Idee ein Hohn.

Popper schrieb über die offene Gesellschaft unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs und dem anhal­tenden Auf­streben dreier in seinen Augen gleich gefährlicher Gesellschaftsformen: Kommunismus, Faschis­mus und Nazismus. Gefährlich wegen ihrer einen überragend wichtigen Gemeinsamkeit: der Feindschaft zu dem, was Popper die offene Gesellschaft nannte.

Diese Gesellschaft hat für ihn vornehmlich zwei Eigenschaften: In ihr können und müssen Menschen per­sönliche Ent­scheidungen treffen und sie ist so angelegt, dass sie „die kritischen Fähigkeiten des Menschen“ freisetzt. Dies steht im Gegensatz zu geschlossenen Gesellschaften, in denen nicht der Einzelne und seine Entscheidungen zählen, sondern die Gruppe (das Volk, die Rasse, die Klasse), deren Entscheidungen den Einzelnen binden; und in denen Kritik nicht erwünscht ist, sondern Gefolgschaft, Solidarität und Loyalität gegenüber Autorität.

Diese beiden Eigenschaften der offenen Gesellschaft entsprechen zwei schon früher entdeckten Idealen: Mündigkeit und Wissen. Für Immanuel Kant war es die Mündigkeit des Menschen, die im Zentrum seiner berühmten „Beantwor­tung der Frage: Was ist Aufklärung?“ stand: die Fähigkeit, sich ohne Leitung eines anderen seines eigenen Verstandes zu bedienen. Und für z.B. die französischen Enzyklopädisten stand außer Frage, dass Wissen der Schlüssel schlecht­hin zur Emanzipation ist. Der Kreis schließt sich, wenn man die Auf­klärung – so verschiedene Tendenzen sie in ver­schiedenen Ländern auch hatte – allgemein als Rebellion gegen Autorität versteht: fürstliche, kirchliche und generell gedankliche.

Was haben nun kritische Fähigkeiten damit zu tun? Es ist ebenfalls Popper, dem wir die Erkenntnis ver­danken, dass Wissen keiner Autorität bedarf, durch die es gerechtfertigt werden könnte. Im Gegenteil kann es erst durch das aktive Zurückweisen jeglicher Autorität entstehen: durch kritische Prüfung, die Befindlich- und Empfindlichkeiten ebenso außer Acht lässt wie jegliche anderen persönlichen Attribute der Verfechter dieser oder jener Vor­stellung. Das so gewonnene Wissen setzt sich in der Prüfung zudem auch nur ge­gen andere (schlechtere) Vorstellungen durch – es ist also immer nur das beste Wissen, das wir jetzt haben.

Diese Zurückweisung von Absolutheitsansprüchen und Autorität begründet zwei scheinbar gegensätz­liche Haltungen: Bescheidenheit und Selbstbewusstsein im Umgang mit Wissen. So sicher es auch ist, dass unser Wissen über kurz oder lang durch etwas Besseres abgelöst wird, so sicher ist es eben auch, dass es schlechteres als unser bestes Wissen gibt. Unsere beste Erklärung für das Phänomen der Gravitation ist Einsteins Relativitätstheorie, die Newtons Vorstellungen ablöste, nachdem diese bestimmte Probleme nicht mehr zufriedenstellend erklären konnten, während sich jene an denselben Problemen bewährte.

Analog dazu ist unser bestes Modell für eine gerechte und die Gesellschaft fördernde Verteilung von Gütern eine nach sozialen Gesichtspunkten regulierte Marktwirtschaft, die sich besser bewährt hat als bei­spielsweise die Plan­wirtschaft. Aber auch wenn es die momentan beste Form sein mag, so wissen wir doch auch, dass es bessere geben muss. Nach neuen, besseren Formen nicht aktiv zu suchen, die unser bisher bestes Modell buchstäb­lich alt aussehen lassen, wäre also mehr als fahrlässig – so sehr unser Ego auch schon unter der bloßen Möglichkeit leiden mag, dass unsere bisherigen Ideen doch nicht so brillant waren, wie wir immer gern dachten.

Das ist es also, was eine solche Gesellschaft „offen“ macht: aktiv nach besseren Lösungen zu suchen, Ideen auch schonungsloser Kritik nicht zu entziehen und eine Beteiligung eines jeden Bürgers an diesem Prozess zu fördern, ja geradezu zu erwarten. Und ihre Aversion gegen Absolutheitsansprüche zeigt sich auch darin, dass sie jede Gesell­schaft nur in dem Maße als offen ansieht, wie sie Mündigkeit, Kritik und Progressivität nicht nur zu­lässt, sondern nach Kräften fördert. Sie ist ein Ideal, an dem man sich misst.

Aber ist sie ein gutes Ideal, dann hat sie auch Konsequenzen. Eine der zunächst recht harmlos klingenden ist zum Beispiel, sich von einem liebgewonnenen Diskussionsziel zu verabschieden: recht zu haben. (Oder seinem ebenso unheiligen politischen Äquivalent: der „alternativlosen“ Lösung) Es gibt zwar durchaus eine Wahrheit, der wir hoffen können uns anzunähern, aber wir müssen uns trotzdem bewusst sein, dass unsere immer nur modellhaften Vorstel­lungen bestenfalls das sind: eine Annäherung. Was wir sicherstellen können, ist, dass unsere Ansichten immerhin nicht offensichtlich falsch sind. Das Kriterium dafür ist, dass sie nicht in Widerspruch zur Logik oder zu anerkannten Fakten stehen. Und diese Probe sollte nach Möglichkeit erleich­tert werden: durch klare Sprache, die die Konse­quenzen einer Ansicht offenlegt. Das Ziel darf nicht sein, sich möglichst gut vor Kritik zu schützen, sondern Kritik möglichst einfach zu machen.

Diese Haltung sollten wir zudem als Ausdruck von etwas häufig falsch Verstandenem ansehen: Respekt. Wo sich früher Menschen über letztlich nichtige Meinungsverschiedenheiten die Köpfe einschlugen (oder es in manchen Gegenden der Welt noch heute tun), können wir inzwischen, in Poppers Worten, „unsere Theo­rien sterben lassen statt uns selbst“. Entscheidend ist, dass wir uns selbst nicht wichtiger nehmen als unsere gemeinsame Suche nach Wahrheit. Die Kritik anderer an unseren Ansichten ist, wie schon John Stuart Mill 80 Jahre vor Popper erkannte, eine kostenlose Gelegenheit zum Lernen, die wir dankbar anneh­men sollten – egal, wie sehr unser Ego dadurch verletzt wird.

Und dies ist schließlich der Kern der offenen Gesellschaft: Sie ist eine lernende Gesellschaft. Sie ist eine Gesellschaft, die individuell und kollektiv ihren Horizont zu erweitern sucht und immer bessere Lösungen für ihre Probleme finden will – weil sie weiß, dass sowohl immer neue Probleme kommen als auch dass Lösun­gen immer fehlerbehaftet sein werden. Aus leidvoller Erfahrung wissen wir aber auch, dass diese Art der Offenheit etwas ist, das Menschen von Natur aus nicht immer leichtfällt. So wie unsere Probleme nie enden, darf auch unsere Bildung nie enden.

Hier zeigen sich die vielleicht folgenreichsten Auswirkungen, die ein konsequentes Anwenden der Idee der offenen Gesellschaft nach sich zieht: Aus ihr folgen direkt konkrete Bildungsziele. Die Gesellschaft hat ein berechtigtes und offensichtliches Interesse daran, dass ihre Mitglieder – neue wie alte – an ihrem Fortbe­stand und ihrer Verbesserung mitwirken können und wollen. Die Fähigkeiten, sich jederzeit seines eigenen Verstandes zu bedienen, ständig dazu­lernen und Kritik sowohl üben als auch verarbeiten zu können, wären die Ziele, nach denen sich Methoden und Inhalte vornehmlich zu richten hätten.

Wie die Aufklärung sieht sich also die „offene Gesellschaft“ als Instrument und Ausdruck der mensch­lichen Freiheit. Dieser dient sie zuerst durch die der Wahrheit verpflichtete Methode der kritischen Prüfung. Sie unterstützt, was Wissen schafft. Und sie will nicht Menschen Macht zubilligen, sondern wenn möglich allein der besseren Idee.

2 comments

  1. Lisa Rosa says:

    Ja, hier direkt am Text lässt es sich besser diskutieren.
    Meine Frage in twitter zielte dahin, dass ich beim Lesen der Begriffsdefinition Offenen Gesellschaft, das Gefühl bekam, es wäre die Gesellschaft eigentlich ausschließlich ideell konstituiert. Materielle Bedingungen spielen keine Rolle, auch nicht, als Voraussetzung oder Kontext oder in ihrer Bedeutung für die Beziehun­gen der Menschen untereinander, die doch selbst wieder konstituierend für das ist, was sich in den Köpfen der Menschen als Vorstellungen von ihrer Gesellschaft bildet. Und dann, im letzten Satz, wo sie die Gesell­schaft sieht wie die Aufklärung – da wird etwas personalisiert, was für mich so nicht geht: Systeme wollen nichts, Ideen, Vorstellungen, Erklärungszusammenhänge, wollen nichts. Sie sehen sich auch nicht selbst. Also kurz gefragt: 1. Wie ist die Offene Gesellschaft (als Kategorie) in einen Bedingungs­zusammenhang eingebettet bei P. – und zwar bezüglich der konkret-besondere Qualifizierung als “Offene”. Und wie versteht P. Gesellschaft als abstrakt-allgemeine Kategorie. Inwiefern und woher kann sie “sich sehen”, “was wollen” usw. ? Das könnte sie ja nur, wenn sie mit 1 Stimme, also widerspruchsfrei spricht. Dann aber kann sie ihre eigene Absichtserklärung nicht erfüllen, usw. You know what I mean.

    1. PeterM says:

      Da hast Du schon Recht, daß das Popper erstmal nur die Exploration einer Idee war. Was die materiellen Bedingungen angeht, damit das überhaupt möglich ist, damit hat sich Popper (zumindest in den veröffentlichten Schriften) nicht auseinandergesetzt. Ich hoffe allerdings, daß ich dann in meiner Diss an zwei, drei Stellen etwas Vernünftiges dazu sagen kann. 🙂

      Und re Anthropomorphisierung der OG: Das ist vielleicht wirklich ein bißchen mißverständlich. Was damit gemeint ist, ist, daß aus den Zielen der OG bestimmte Dinge logisch folgen, so daß das eben nicht darauf hinausläuft, daß es unendlich viele verschiedene Interpretationen davon geben kann, die nur von der subjektiven Empfindung Einzelner abhängen.

      Hilft das schon mal?

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