Category Archive: .Dahrendorf, Ralf

Education for a new liberty

Aber es bleibt wahr, daß die Art und Weise, in der entwickelte Gesellschaften die geschaftliche Arbeitsteilung organi­siert haben, eine Reihe von Fragen offen läßt, die eine auf Melioration bedachte Gesellschaft beantworten muß, wenn sie sich ihres Namens würdig erweisen will: Wie ist es möglich, Menschen auf die übrigen Tätigkeiten ihrens Lebens in einer Umgebung vorzubereiten, die absichtlich von diesen Tätigkeiten abgesondert ist? Welche Chancen gibt es für diejenigen, die nach einer Zeit der Berufstätigkeit erneut etwas lernen wollen, neue Dinge oder mehr über die Gegen­stände ihrer ursprünglichen Ausbildung? Welchen vernünftigen Sinn kann es haben, einerseits die Arbeit der Men­schen übermäßig zu determinieren und anderersiets ihre Freizeit bewußt undeterminiert zu lassen? … Welchen Sinn hat es, Menschen, die viele Erfahrungen gesammelt haben, gesund sind und arbeiten wollen, in Pension zu schicken? Diese Fragen sind nicht neu; auch läßt sich auf alle durchaus eine Antwort geben. Aber ich meine, daß wir, wenn wir unser Leben bessern wollen, begreifen müssen, daß Bildung mehr ist als die Vorbereitung auf künftige Pflichten, Arbeit mehr als eine unangenehme Last, derer man sich so schnell wie möglich entledigen muß, und Freizeit mehr als eine residuale Zeit, um den Garten zu pflegen, an den Motorrädern der Freunde zu basteln, Fußball zu spielen, Musik zu hören, aber auch sich zu langweilen, sich zu betrinken, das eigene Leben zu zerstören und das von anderen. Die Re­konstruktion des sozialen Lebens der Menschen muß die Versteinerungen einer verfehlten Arbeitsteilung überwinden. Sie zielt darauf ab, die Einheit des menschlichen Lebens wiederherzustellen, oder vielleicht zum ersten Mal überhaupt herzustellen, so daß soziale Lebenschancen einen kontinuierlichen Prozeß menschlicher Tätigkeit versprechen, der in vielfältigen Dimensionen und Weisen seinen Ausdruck findet. Der erste Schritt auf diesem Wege liegt in der Schleifung der Wälle zwischen Bildung, Arbeit und Freizeit. …

Die zentrale Aufgabe der Bildung liegt indes nicht darin, Ersatzteile für den Wirtschaftsprozeß zu produzieren, sondern menschliche Fähigkeiten zu entfalten, indem sie für vielfältige Wahlmöglichkeiten geöffnet und nicht auf angebliche Anforderungen hin getrimmt werden. Darum sollte die Erziehung junger Menschen weit und nicht eng, allgemein und nicht spezialisiert und vor allem nicht zu lang sein. [93-4]

The freedom to come up with different answers

Poppers Botschaft ist klar. „Wir können nicht wissen“, sagt er, „wir können nur mutmaßen.“ Da keine wissenschaftliche Theorie endgültig beweibar ist, kommt es darauf an, immer erneut und mit ganzer Kraft zu prüfen, ob akzeptierte Theo­rien falsch sind, irrig oder widerlegt. Um dies zu tun, müssen wir die Bedingungen rationaler, kritischer Auseinander­setzung aufrechterhalten, unter denen es möglich bleibt, verschiedener Auffassung zu sein. Was für unser Wissen gilt, gilt auch für unser Verhalten und unsere Politik. Da niemand alle Antworten kennt, müssen wir vor allem sicherstellen, daß es möglich bleibt, unterschiedliche Antworten zu geben. [13]

Scientifically planned politics

Das Wichtige am Entwurf einer mittelfristigen Perspektive innerhalb politischer Strukturen ist, daß er formell auf den legitimen Entscheidungsprozeß bezogen sein und zugleich von den Anliegen entfernt sein muß, die den Horizont der Entscheidungsträger begrenzen. Sie muß, mit anderen Worten, eine gesetzliche Grundlage haben, aber unabhängig sein in dem Sinn, daß die Amtszeit der Beteiligten länger ist als die von den Regierungen und Parlamenten. Um das zu erreichen, lassen sich verschiedene Wege denken. Einer ist ein Amt für technologische Bewertung, um einen irre­führenden, aber anerkannten Begriff zu verwenden: eine Behörde, in der Sozial- und Naturwissenschaftler regelmäßig die Politik der Regierung angesichts erklärter Ziele und bekannter Entwicklungen überprüfen. „Technologie“ bedeutet in diesem Zusammenhang die Übersetzung von Theorien in Praxis und die Bewertung der Praxis im Licht der Theorie. Möglicherweise könnte eine solche Einrichtung von der Erfahrung des deutschen Sachverständigenrates für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung profitieren, dessen Jahresberichte einen erheblichen Einfluß auf die Wirtschafts­entwicklung des Landes haben. Ein gesetzlich verankerter Rat für mittelfristige Planung, der der Regierung jährlich Bericht erstattet, wäre eine Methode, um eine Mehrzahl von Erfahrungen zu verbinden. Auch auf andere Weise ließe sich wohl mit dem gleichen Problem fertigwerden: daß diejenigen, die sich vor der Öffentlichkeit für das verantworten müssen, was sie gestern getan haben und heute tun, nicht vergessen, daß es auch ein Morgen und Übermorgen geben wird. [110-11]

Pragmatisch zusammengekuschelt

Der neue Pragmatismus, der gegenwärtig so populär ist, das Bestehen auf dem Unmittelbaren, als sei dies ein Wert an sich, ist so blind, wie der Utopismus blendet. Ohne ein Bild der Zukunft läuft der Pragmatiker Gefahr, uns im Kreise herumzuführen – um am Ende noch zu behaupten, daß es nicht sein Fehler war, wenn wir nichts erreicht haben. Es ist sein Fehler. Eines der dringenden Erfordernisse der gegenwärtigen Politik ist die Ergänzung und Korrektur des Prag­matismus der Macher durch das Bewußtsein mittelfristiger Perspektiven. Jemand muß über den Rand der Untertasse hinausblicken, in der sich die meisten Politiker zusammengekuschelt haben, und ihnen sagen, was jenseits ihrer lokalen oder nationalen Wahlkreise, ihrer Wahlperiode, ihres notwendigerweise und zuweilen weniger notwendiger­weise begrenzten Horizonts geschieht. [108]

Die neue Freiheit

Die neue Freiheit läßt sich nur erringen, wenn jeder Bürger Zugang hat zu dem vielfältigen Universum der Lebens­chancen in einer komplexen Gesellschaft. Die neue Freiheit wird aber sogleich wieder preisgegeben, wenn solcher Zugang begrenzt bleibt auf belangloses Auswählen zwischen gleichartigen Dingen, zwischen Handball und Fußball oder Philologie und Mathematik. Es ist, mit anderen Worten, an sich nichts falsch an Ungleichheiten des Einkommens, des erworbenen Status in jedem Sinne. Gewiß verlangen wirksame Bürgerrechte die Schaffung eines Sicherheits­netzes, durch das niemand fallen kann, also eines gemeinsamen Grundstatus. Ebenso gewiß verlangen wirksame Bürgerrechte die Beschränkung des Status jener wenigen, deren oft ererbte Vermögen sie befähigen, die Bürgerrechte anderer zu schmälern. Aber zwischen dem gemeinsamen Fußboden garantierter Rechte und der gemeinsamen Decke erlaubter Privatmacht bleibt ein breiter Raum. [59]