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Offene Gesellschaft: Eine neue Aufklärung für das 21. Jahrhundert

In der Aufklärung kulminierte die Einsicht, daß ein Denkmodell, dessen Tradition in die Kindheit der Mensch­heit zu­rückreicht, endlich ausgedient haben müsse: das der Berufung auf Autorität. Schritt für Schritt beflügelten Renaissance, Reformation und wissenschaftliche Revolution das Lossagen von überkommenem Respekt für das bloß Tradierte. Die eigene Ansicht und der eigene Verstand waren bald das Maß der Dinge, und Kants Mah­nung zur Mündigkeit steht zu recht noch immer stellvertretend für die Gedanken einer gesamten Epoche. Der Weg zur Freiheit, dieser so mensch­lichen Gabe, war, selbst Wissen zu erlangen.

Seitdem sind viele der Ideen aus der Zeit der Aufklärung in unseren westlichen Gesellschaften sogar verfassungs­rechtlich geschützt. Rede-, Glaubens- und Versammlungsfreiheit sind (zumindest nominell) aus diesen Ge­sellschaften nicht mehr wegzudenken. Diese Sicherheit ist aber aus gleich zwei Gründen trügerisch: Erstens sind diese Freiheiten immer in Gefahr, und zwar nicht nur von außen, sondern auch von innen, weil Menschen sich nur allzu leicht dazu verführen lassen, ihre Freiheit für vermeintliche Sicherheit aufzugeben – letzteres wurde bis­her kaum ausreichend gewürdigt. Zweitens wird unsere Mündigkeit zwar geschützt, wenn sie bereits ausge­bildet ist, aber gefördert wird sie durch reine Schutzräume nicht. Selbst eine zuverlässig kodifizierte negative Frei­heit kann einer freiheitlichen Gesell­schaft nicht ausreichen: Sie hat ein überlebenswichtiges Interesse daran, Mündig­keit aktiv zu fördern und vor Erosion zu schützen. Die trügerische Sicherheit der negativen Freiheit ist aber nicht die einzige, der wir uns in bezug auf die Aufklärung hingeben.

So ist die seit damals akzeptierte Form des Wissens ein wahres Trojanisches Pferd, das auch von Aufklärern sieges­gewiß in ihre Mitte gezogen wurde – bloß um den darin enthaltenen Gedanken die Gelegenheit zu geben, der Autorität unbemerkt Tür und Tor zu öffnen. Die Rolle der Kassandra spielt hier Karl Popper, der hellsichtig davor warnt, den Erfolg sicher zu wähnen und bloß nach Bestätigung für das eigene Wunschdenken zu suchen – und damit auch kaum mehr Gehör findet als die antike Warnerin. Alle zu scheinbar sicherem Wissen führenden, privilegierten Quellen der Erkenntnis, so Popper, sind vergiftet – der Mensch in jedem Denken, Argumentieren, Wahrnehmen fehlbar. Sichere Erkenntnis, auf deren angeblichen Besitz sich jegliche Autoritäten nur zu gern berufen, ist un­möglich. Erreichen können wir aber immerhin etwas, das wir „objektive Erkenntnis“ nennen können, die aller­dings jederzeit offen für Revisionen bleibt. Zu verdanken haben wir solche Erkenntnis (und die Aufklärung ihre Immunisierung gegen Berufung auf Autorität) aber nur einem objekti­vierenden kritischen Prozeß, dessen konsequente Befolgung allein die Rationalität unserer Entschei­dungen begründet.

Dieser Prozeß findet seinen reinsten Ausdruck im Ideal eben jener Wissenschaft, die maßgeblich dazu beige­tragen hat, daß Mündigkeit überhaupt als ein mögliches Ziel einer Gesellschaft ernstgenommen werden konnte. Wissenschaft als Mikrokosmos einer Gesellschaft zeigt, wie wir individuelle Freiheit, Gleich­berechtigung, den Austausch von Ideen über jegliche institutionelle Grenzen hinweg und den Fortschritt von einer leitenden Idee zur nächsten ohne Blutver­gießen erreichen können. Keine andere Gesellschaft hat bisher die kritischen Fähig­keiten des Menschen in einem Maße freigesetzt wie die Wissenschaft – unsere bisher offenste Gesellschaft. Es stellt sich die Frage: Wie weit kann diese Analogie von Wissenschaft und allgemeiner Gesellschaft tragen? Welche Funk­tionen hat eine Gesellschaft zu erfüllen, und sind diese Fragen – sowie alle praktischen Lösungsvor­schläge – objektiver Erkenntnis zugänglich? Welche Leh­ren sind auch aus den Verfehlungen wissenschaftlicher Praxis zu ziehen?

Die Frage nach der Reichweite objektiver Erkenntnis ist darüber hinaus ganz generell zu klären. Zunächst ist zu er­örtern, unter welchen Voraussetzungen objektive Erkenntnis überhaupt möglich ist. Daran anschließend läßt sich die Wert­urteilsproblematik diskutieren und die Frage, inwieweit auch üblicherweise als Werturteile aufgefaßte Aussagen objektiv beurteilbar sind – bis hin zu Fragen der Moral. Gesellschaftliche Fragen fasse ich hier ausdrücklich als Unter­gruppe moralischer Probleme auf – mit der These, daß für diese Fragen sowohl eine objektive Basis gefunden als auch objektive Entscheidungen ge­troffen werden können.

Auf dieser Grundlage hat eine freiheitliche, eine offene Gesellschaft allerdings ein weitergehendes Interesse, als nur einen Schutzraum zu garantieren, in dessen Grenzen der Einzelne frei ist und seine Meinungen und Hand­lungen zu tolerieren sind. Eine offene Gesellschaft erwartet mehr als nur die Toleranz gegenüber einem Bereich negativer Frei­heit: Sie erwartet vielmehr einen Respekt gegenüber anderen, der deren Meinungen und Hand­lungen kritisch begut­achtet. Dies können wir als eine konkrete Ausformung positiver Freiheit verstehen, die komplementär zu den negativen Schutz­rechten zu verstehen ist.

Schließlich muß jede Gesellschaft, die sich den genannten Idealen verpflichtet fühlt und sie ernstnehmen will, fragen, welche Konsequenzen sie für ihre Institutionen daraus zu ziehen hat. Insbesondere drängen sich direkte Folgerungen für das Bildungssystem und die Medien einer solchen Gesellschaft auf. Letztlich stehen aber alle ihre Institutionen kontinuier­lich vor dieser Frage: Wie können sie die Ideale der Gesellschaft am besten umsetzen, und wie stellt man sicher, eben­so konti­nuierlich aus Fehlern (eigenen wie denen anderer) zu lernen.

Leitfragen zur Problemstellung

  • Sind Wissen und Mündigkeit tatsächlich Ideale unserer vermeintlich aufgeklärten Gesellschaften?
  • Steht Autorität wirklich in so schlechtem Ruche, wie man das 200 Jahre nach der Aufklärung vermuten könnte?
  • Woher kommen Intellektuellen- und Wissensfeindlichkeit, und wie läßt sich ihnen begegnen?
  • Welche Fragen sind objektiver Erkenntnis zugänglich? Welche Konsequenzen hat das für öffentlichen Diskurs?
  • Welche Funktion hat eigentlich eine (freiheitliche) Gesellschaft?
  • Wie konsequent lassen sich die Parallelen von Wissenschaft und Gesellschaft weiterdenken? Was hat es konkret zu bedeuten, daß eine Ges. permanent lernt und kritische Fähig­keiten freisetzt? Wie genau unterscheidet sich eine solche auf Respekt basierende Ges. von einer nur negative Freiheit schützenden Toleranz-Ges.?

Literatur für entscheidende Ideen (exkl. Popper und zentrale KR-Vertreter)

  • Berlin, Isaiah: „Two Concepts of Liberty“.
  • Bohman/Rehg: Deliberative Democracy.
  • Bronowski, Jacob: Science and Human Values.
  • Chomsky, Noam: Manufacturing Consent.
  • Dawkins, Richard: The God Delusion.
  • Dennett, Daniel: Freedom Evolves.
  • Deutsch, David: The Beginning of Infinity.
  • Dewey, John: Experience and Education.
  • Feynman, Richard: The Pleasure of Finding Things Out.
  • Grayling, AC: Towards the Light.
  • Harris, Sam: The Moral Landscape.
  • Jarvie, Ian: The Republic of Science.
  • Jarvie/Pralong: Popper’s Open Society After 50 Years.
  • Mill, John Stuart: On Liberty.
  • Notturno, Mark: Science and the Open Society.
  • Porter, Roy: Enlightenment.
  • Postman, Neil: Teaching as a Subversive Activity.

Gliederung

1. Die Problemsituation: Warum brauchen wir mehr – oder gar eine neue – Aufklärung?

  • Aufklärung ist „Rebellion gegen Autorität“ (Porter) – aber steht Autorität wirklich in so schlechtem Ruche, wie man das hieraufhin vermuten könnte? Sind Wissen und Mündigkeit (Kant) tatsächlich unsere Ideale?
  • Beispiele allgegenwärtiger Unmündigkeit und Wissensfeindlichkeit in Politik und Gesellschaft trotz aller verfassungsmäßig garantierter Schutzmechanismen für unsere Freiheiten.
  • Aufklärung als Mündigkeit: Wir haben einige Sicherheiten erlangt, aber die fördern Mündigkeit nicht, sondern schützen sie nur – wenn sie bereits da ist. Freiheitliche Gesellschaften haben aber ein überlebenswichtiges Interesse daran, Mündigkeit zu fördern und vor Erosion zu schützen.

2. Was ist Aufklärung?

  • Hintergrund in französischen, britischen und amerikanischen Denkern sowie Kant.
  • Poppers Beitrag zur Aufklärung, oder: die Schließung einer gefährlichen Lücke.
  • „Mankind’s final coming of age“ (Kant/Porter) und „The Beginning of Infinity“ (Deutsch).

3. Poppers Philosophie

  • Epistemologie: Was können wir wissen? Was ist unser Wissen? Kann dieses Wissen sicher sein?
  • Wissenschaftsphilosophie: Warum Falsifikation unersetzlich ist – so wie die Idee der objektiven Erkenntnis. (Vgl. „sapere aude“)
  • Einschlägige Kritik, und warum sie nicht greift.
  • Diskussion des Begriffs „Wahrheit“: Brauchen wir ihn überhaupt noch? Ist Wahrheit nicht immer relativ zu bestimmten Problemen?

4. Wissenschaft als Modell für eine freiheitliche Gesellschaft

  • Wissenschaft als prototypische Gesellschaft (vgl. Bronowski).
  • Welche Funktionen einer Gesellschaft erfüllt Wissenschaft tatsächlich? Wie weit läßt sich die Analogie zu einer allgemeinen Gesellschaft treiben?
  • Welche Funktionen hat eine allgemeine Gesellschaft zu erfüllen? Läßt sich diese Frage objektiv beantworten/Ist hier objektive Erkenntnis möglich?

5. Objektive Erkenntnis in Gesellschaft, Moral und Werturteilen

  • Wann ist ein objektives Urteil möglich? Welche Voraussetzungen müssen dafür erfüllt sein?
  • Sind die Ziele einer Gesellschaft ebenso einer objektiven Beurteilung zugänglich?
  • Beispiel Werturteilsproblem: Weber tut so, als ob keine objektive Erkenntnis über Wertfragen erlangt werden kann. Strauss zeigt mit seinem Einwand, daß diese Annahme nicht korrekt ist. Hier muß aber hinzugefügt werden, daß alle diese Wertungen immer relativ zu Maßstäben sind, die häufig unbewußt angenommen werden. Siehe z.B. Harris und die Idee, daß objektive Moral möglich ist. Eventuell sind sogar objektive Aussagen über persönliche Werturteile möglich, wenn man den Fortschritt der Neurowissenschaft nur wenig in die Zukunft extrapoliert.

6. Positive Freiheit

  • Hintergrund in Berlins „Two Concepts“.
  • PF als komplementäre Form der Freiheit – zusätzlich zur bereits weitgehend kodifizierten NF.
  • Poppers Philosophie als Inhalt für unsere PF.

7. Welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen?

  • Eine Gesellschaft, die diese Ideen ernstnimmt, müßte zumindest weitreichende Konsequenzen für sein Bildungssystem und seine Medien ziehen.
  • Welche Ideale müßten die Arbeit aller gesellschaftlichen Institutionen leiten? Welche konkreten Grundsätze lassen dafür ableiten?

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